Vor fünf Jahren ist mein Vater verstorben. Er ist sehr plötzlich und ohne Vorwarnung gegangen. Lungenkrebs der aggressivsten Art. Innerhalb von nur ein paar Wochen ist er vergangen wie eine...
Vor fünf Jahren ist mein Vater verstorben. Er ist sehr plötzlich und ohne Vorwarnung gegangen. Lungenkrebs der aggressivsten Art. Innerhalb von nur ein paar Wochen ist er vergangen wie eine Schnittblume. Er wurde dünner, er konnte immer weniger atmen, konnte nicht mehr essen. Er hat sich fast aufgelöst vor unseren Augen. Ich konnte ihn noch genau fünf Tage sehen, jeweils nur für kurze Zeit, weil unsere Anwesenheit ihn zu stark beansprucht hat. Und dann war er einfach weg. Und ich kann es bis heute nicht fassen, dass dieser Mensch in meinem Leben keine aktive Rolle mehr spielt.
Er hat mir gezeigt, wie ein Auto funktioniert. Er hat mir Angst vor Technik genommen. Er hat mir erklärt wie die Natur arbeitet. Er hat mir gezeigt, dass das Weltall wunderschön ist. Er hat mir beigebracht, dass Politik nicht so schön ist. Er hat mir Sprache beigebracht, nicht nur sprechen. Und er hat mir gezeigt, was es heißt dickköpfig und stur zu sein. Wie man im Suff aggressiv werden kann, wie man im Suff lustig werden kann. Er hat mir erzählt, wie er als Kind gelebt hat und hat mich als Kind mit der Liebe versorgt, die ihm selbst versagt blieb. Er hat mich als Kind aber auch so bestraft, wie er selbst bestraft wurde. Er hat mir erzählt, wie er aus der DDR geflohen ist, wie er verraten und verkauft wurde und wie er sein Leben selbst in die Hand genommen hat. Er hat mir von seiner großen Liebe erzählt, die nicht meine Mutter war.
Mein Vater ist mein Held – aber einer mit Makeln, so wie sie jeder Mensch hat. Ich hab viel von meinem Vater geerbt. Hauptsächlich Wesenszüge, aber auch die Füße, die Nase, die Hände. Ich nutze Gesten, die er nutzte, ich nutze meine Sprache so wie er sie nutzte. Er wußte immer alles besser, ich heute auch. Er liebte Wortwitz, ich auch. Ich bin manchmal so arrogant wie er, manchmal so bockig, manchmal so verletzlich, manchmal so allein in meinem Innersten. Denn das war er auch sehr oft – allein.
Ja, er hatte Kinder, mich und meinen Bruder. Und natürlich eine Frau, von der ich sagen kann, dass sie ihn aufrichtig liebte. Aber er war nicht frei in seinem Wesen. Er konnte schlecht mit Gefühlen umgehen. Ich hab meinen Vater nur sehr selten “weich” erlebt. Er hat ein paar mal mit mir geweint, aber das waren Ausnahmen. So intelligent er war, so gefühlsarm war er. Wobei das nur die Unfähigkeit war, die Gefühle auszudrücken. Er hat das nie gelernt. Wir haben dafür aber oft bis in die Nacht zusammen gesessen und geredet. Wir haben einmal in der Nacht Bernd das Brot zusammen geguckt und Tränen gelacht. Wir haben den Fall der Mauer gemeinsam erlebt und vor Freude geweint. Wir haben Dokus geschaut, politische Diskussionen und dann lange darüber geredet. Neujahrsspringen war Pflicht, genauso wie Fußball.
Mein Vater hat mein Leben mit gestaltet, intellektuell bereichert, mich geistig aktiv werden lassen und einen Menschen aus mir gemacht, der für sich einstehen kann und keine Angst vor dem Leben hat. Er hat mich stark gemacht. Und dafür bin ich dankbar. Aber er fehlt mir und ich hab keine Stärke, wenn ich ihn vermisse. So wie jetzt wieder. Weihnachten steht vor der Tür.
Ich war Weihnachten IMMER zuhause. Egal wo ich gewohnt habe, Heiligabend gab es nur zuhause. Mit den Eltern und wenn es gut lief auch mit dem Bruder. Ich bin auch bei Eis und Schnee von Berlin nach Hause gefahren (500 Km), um bei meinen Eltern sein zu können.
Seit mein Vater nicht mehr ist, gibt es eine riesige Lücke in meinem Leben. Ich kann sie nicht mehr schließen, denn ich weiß nicht wie. Ich hab eine Trauertherapie hinter mir, um mit meinem Schmerz umgehen zu können. Die hat ein bißchen geholfen. Aber eben nur ein bißchen.
Es sind fünf Jahre vergangen, aber ich kann nicht vergessen, wie er gestorben ist. Es war extrem qualvoll und ich hab sein Leiden mit angesehen. Und ich fühle Schuld, weil ich meine schlecht reagiert zu haben, als er Hilfe nötig hatte. Ich weiß heute, dass das nicht stimmt, dass die Schuld woanders liegt, aber ich fühle es dennoch so.
Oft rede ich mit meinem Vater in Gedanken. Er kommt auch oft in meinen Träumen vor und meist sind das schöne Träume mit schönen Situationen. Anfangs träumte ich nur von seinem Tod und wie er starb, aber das ist zum Glück vorbei. Heute kann ich mich an meinen Erinnerungen wieder erfreuen, die erst dieses Jahr zu mir zurückgekehrt sind. In den Jahren zuvor konnte ich keine einzige Erinnerung an Kindertage abrufen. Es war nichts da. Nur dank Bildern konnte ich wieder etwas herstellen, aber heute ist wieder alles zurück.
Mein Vater war Fan von Borussia Dortmund. Ich hab ihm mal einen Anhänger von Schalke geschenkt, eine Todsünde für einen Borussen. Er hat ihn am Schlüssel

angebracht und bis zum Schluss da dran gelassen. :-) Dieser Anhänger liegt heute in meinem Schrank bei seinen Sachen. Wenn ich mir diese Sachen ansehe, die ich da habe, dann huscht mir ein Lächeln über das Gesicht und ich freue mich darüber, dass dieser Mensch mein Vater war, der sich um mich gekümmert hat und mich so gut ins Leben gebracht hat. Ich bin stolz darauf seinen Namen zu tragen und traurig, dass ich keine eigenen Kinder habe, um dieses Gefühl weitergeben zu können. Und auch das genetische Erbe weiter zu tragen. Mein Bruder hat zum Glück einen kleinen Mann in die Welt gesetzt und ich hoffe sehr, dass er was von seinem Opa hat
Warum schreibe ich sowas persönliches heute in meinen Blog?
Ich weiß es nicht, um ehrlich zu sein. Ich hab einfach den Drang verspürt das zu tun. Vielleicht, um einfach einmal mehr “los zu lassen”. Oder einfach, weil mir wieder vor Weihnachten graut. Meine Mutter lebt ja noch und ich sollte froh sein, dass ich sie noch habe, aber mit dem Tod meines Vaters ist die Beziehung zu meiner Mutter mit gestorben. Wir waren früher wie Freundinnen, heute reden wir keine 10 Worte mehr miteinander. Wenn ich nach Hause fahre ist dort nicht mehr “zuhause”. Dort wohnt inzwischen ein anderer Mann bei meiner Mutter. Sie hat die Lücke in ihrem Leben also gestopft. Aber einen Vater kann man nicht ersetzen. Mit nichts.
Ich wünsche jedem, der ebenfalls einen Menschen verloren hat, den er sehr liebt, viel Kraft und Stärke.
Das Leben ist so. Es endet mit einem Tod. In meinem Fall mit dem des Vaters, den ich als Kind natürlich ganz logisch vor mir hatte. Und noch mal haben werde, wenn meine Mutter soweit ist. Keiner von uns kommt drum herum und das ist auch gut so, denn andersrum wäre es viel grausamer. Und manchmal ist das Leben eben auch Scheiße. Aber wie mein Vater da gerne zu sagen pflegte:
Zitat von “Roobys Vater”:
“Scheiße am Stock ist auch ‘ne Blume”