Wie erklärt man Blinden die Farbe?

 

Es sei gleich vorab gesagt, dass ich selbst oft genug auf dieser “farblosen” Seite stehe und nicht direkt sehen kann, was mein Gegenüber von mir will. Aber ich höre zu und nehme Dinge, die ich nicht selbst erlebt habe oder begreifen kann, erst mal als gegeben hin.

 

Wenn mir also zum Beispiel ein schwuler Mann erklärt, wie er sich fühlt, wenn er von seinem Chef dauernd respektlose Schwulenwitze hört, wie er von anderen Menschen angegangen wird, weil er sich geoutet hat und dazu steht, dass er homosexuell ist oder auch wie er von seinen Eltern, Geschwistern oder sonstigen nahe stehenden Menschen seit dem angeguckt wird, dann kann ich mir das zwar vorstellen, aber nicht nachfühlen. Niemals. Ich bin eine Frau, ich bin heterosexuell und viel wichtiger – ich hab ein individuelles Gefühlsleben. So wie mein Gegenüber auch.

Ich habe also keinen blassen Schimmer davon, was dieser Mensch durchmacht. Solange, bis er es mir erklärt und ich zumindest ein grobes Verständnis dazu habe.

Ähnliches Prinzip, anderes Thema. Wenn eine schüchterne Frau mir erzählt, dass sie sich nicht traut mit einem Kollegen oder einer Kollegin über ein Problem zu sprechen, weil sie dann ins Stottern gerät oder sie Schweißausbrüche erlebt oder ähnliches, dann kann ich mir das wiederum vorstellen (weil man Menschen schon so erlebt hat), aber nicht nachvollziehen. Ich bin ein direkter Mensch, ich hab keine Angst vor anderen Leuten, also kann ich das zwar faktisch erfassen, was sie mir sagt, aber nicht emotional nachvollziehen. Ich kann es aber selbstverständlich akzeptieren, wenn sie mir das erklärt.

Eins noch. Wenn ein mir bekannter Mensch, fachlich kompetent und erfahren, erklärt, dass er in Gehaltsverhandlungen nicht in der Lage ist, sich entsprechend zu verkaufen, weil er meint, dass diese Fähigkeiten und Kenntnisse nicht ausreichend gut sind, dann kann ich das nicht verstehen. Ich bin auch hier anders. Ich weiß, was ich kann und was ich nicht kann. Und ich fordere Gegenleistung für meinen Einsatz. Aber ich kann akzeptieren, dass dem Menschen die Situation der Gehaltsverhandlung unter Druck setzt und er deswegen nicht mehr in der Lage ist, sich entsprechend darzustellen. Nachvollziehen werde ich das aber nie können, denn ich fühle einfach nicht so.

 

 

Ich spare mir mal weitere Beispiele, denn ich glaube, man versteht worauf ich hinaus will:
Menschen können im Grunde Situationen nachvollziehen. Allerdings nur bedingt. Es wird umso schwerer, je weiter wir uns von den dazugehörigen Situationsvariablen entfernen.  Also wenn wir uns stark vom Erzählenden unterscheiden. Sei es in Charakter oder in unseren Werten.  Aber in den eben genannten Fällen werden die meisten Menschen sagen “Selbstverständlich ist das zu akzeptieren“, manche werden sagen “Ist doch nachvollziehbar“, weil es ihnen vielleicht auch so geht. Aber so oder so, man wird üblicherweise dem Erzähler seine Wahrnehmung nicht klein reden oder sogar lächerlich machen. Jeder von uns kennt solche Situationen, hat sie entweder bei anderen Menschen im eigenen Umfeld wahrgenommen oder bei sich selbst. Man sieht noch die Farbe, auch wenn vielleicht die ein oder andere schon fehlt, weil man sie nie kannte.

 

Wenn es zu feministischen Diskussionen kommt, läuft das plötzlich anders. Dann ist plötzlich alles Grau oder Schwarz, aber keinesfalls mehr farbig und bunt. Dann ist schluss mit lustig aka sich in den anderen reinfühlen. Für Diskussionen über Rassismus oder Homosexualität gilt das übrigens auch. Je nachdem, wen man vor sich hat, regiert plötzlich nicht mehr Empathie und Mitgefühl, sondern Angst vor was-auch-immer-für-einem-gearteten Verlust.

Kontrolle, Privilegien und/oder (sich ggfs. daraus ergebende) Macht sind starke Werte für so manchen Menschen. Jemand, der so fest an diesen Dingen hängt, hat vermutlich Angst, ohne diese nichts mehr wert zu sein. Mal unabhängig davon, dass sich für mich der Wert eines Menschen nicht berechnen lässt, ist es in unserer Gesellschaft leider dennoch so, dass Menschen unterschiedlich „bewertet“ werden.  Wer Geld und (dadurch) Macht hat, ist was wert. Wer einen gewissen Verstand (Bildungsstand) hat, ist was wert. Wer im Gegenzug dazu ein ehrliches Leben lebt, der bleibt dumm und auf der Strecke. Wer nicht betrügt, blendet und Spielchen spielt, bleibt zurück. Wer nicht der sogenannten Norm entspricht, bleibt draußen. So einfach.

 

Verständnishorizont - http://astefanowitsch.tumblr.com/

 

 

So einfach? Ich glaube nicht.
Die Menge der Menschen, die inzwischen verstanden haben, dass das nicht der richtige Weg ist, wächst. Zum Glück. Aber immer wieder trifft man auf die, die einfach nicht anders denken wollen. Weil sie von der Angst regiert werden, dass sie Dinge verlieren, wenn andere mehr kriegen.

Neulich sagte mir ein Bekannter folgendes:  ”Wenn Frauen mehr Geld (für den gleichen Job natürlich) bekommen, wie ich als Mann, dann nimmt man mir ja was weg“. Außerdem kam im gleichen Gespräch auch “Ich will nicht, dass eine Frau mein Auto repariert” vor. Ich fragte nach, versuchte zu verstehen, was diese Person, die sonst so klug ist, dazu bringt etwas in sich so Dummes zu sagen. Aber außer den extrem konservativen Werten, die dieser Mensch hat, und dem dazugehörigen Frauenbild, kam sonst nicht viel an Argumenten rum. Bis dann plötzlich noch dieses kam: “Man muss nicht immer alles logisch argumentieren“. Und das sagte mir natürlich, dass hier rein emotional und mit Angst “gedacht” war. Nicht mit sachlichen oder faktischen Argumenten. Und da lässt sich natürlich nicht viel argumentieren. Und das ist die Krux an der Sache. Vermeintlich sachliche Diskussionen sind es nicht immer, aber man erkennt es auch nicht immer sofort.

 

Warum kann man(n) also in einer Diskussion um Frauen und deren Wahrnehmung in der von Männern dominierten Welt nicht auch einfach erst mal annehmen, was sie sagt? Warum wird hier abgewunken und mit einer “ach jetzt übertreib mal nicht” oder “stell dich nicht so an” Mentalität gesprochen? Und das ironischerweise ja nicht nur von Männern. Auch Frauen reagieren so auf Frauen und ihre Wahrnehmung. Es mag hier viele Antworten geben, aber ich hab sehe hier folgende Punkte, die mir besonders aufgefallen sind.

 

    1. Männer fühlen sich “erwischt”.
      Die typische Reaktion ist Abwehr. Die noch nicht ganz so häufige ist, drüber nachdenken und das Verhalten zu korrigieren.
    2. Männer haben Angst, dass Frauen etwas wollen (und kriegen), was ihnen zusteht.
      Die typische Reaktion ist…siehe 1.
    3. Frauen erleben einen “Aha-Moment” und erinnern sich an selbst Erlebtes, fühlen sich plötzlich schwach und verletzlich.
      Eine typische Reaktion darauf ist, ja Sie ahnten es schon, Abwehr. Die zweite, nicht ganz so seltene Reaktion ist Solidarität.
    4. Frauen, die das Glück haben selbstbewusst zu sein oder ggfs. in ihrem Umfeld Förderer und Gönner zu haben, die also effektiv nicht solche Erfahrungen haben, fühlen sich von diesen “schwächeren” Frauen angegriffen, beneidet oder als Konkurrenz betrachtet.
      Die typische Reaktion, ja auch hier, ist Abwehr. Die auch leider eher untypische ist Verständnis oder Solidarität.

 

Das sind nur meine persönlichen Wahrnehmungen, die ich hier beschreibe. Aber mir zeigen die vielen Diskussionen mit anderen Menschen, dass ich damit nicht ganz alleine bin. Bisher hab ich aber leider noch keinen Weg gefunden, um aus dieser Abwehrhaltung wengistens ein “ich seh die Farbe nicht, aber ich kann akzeptieren, dass du sie siehst” zu machen. Aber ich bleibe dran, denn ich bin überzeugt davon, dass auch “Farbblinde” im Grunde ihres Herzens Farbe wollen. Mensch kann damit anfangen zu akzeptieren, dass es Farbe (Wahrnehmungen anderer Menschen, die ich nicht habe) gibt. Damit wäre schon vielen Gutes getan. <3

 

 Zitat aus “Bärenbrüder”: ”Siehst du schwarz-weiss oder in Farbe?”

 

 

Number Thirty

Heute geht es mal um was Zwischenmenschliches.

Der Podcast fängt leider sehr leise an, aber im weiteren Gerede wird die Stimme wieder deutlicher. Lag vermutlich daran, dass ich heute noch nichts anders gesprochen hatte. :-)

 

Zitat aus ” Der Pate”:
“Manche Leute sorgen mit ihrem täglichen Verhalten dafür, dass sie irgendwann auf der Straße erschossen werden…”